Aus dem Artikel im Consens-Magazin, Sommer 2026:

Sinnstiftendes kirchliches Ehrenamt 

Nicole Weisheit-Zenz stellt den Lektoren- und Prädikantendienst näher vor, mit Bezug zu ihrem Wohnort Mainz.


Über den eigenen Glauben nachdenken, Gottes Nähe spüren, Geschichten aus der Bibel lesen, Neues lernen, Gebete und Predigten formulieren, singen und gute Gemeinschaft erleben: All das und vieles mehr motiviert auch im Ruhestand einige Menschen dazu, selbst Gottesdienste vorzubereiten und dann mit den Gemeinden zu feiern.

Prädikantin? Das Wort und dessen Bedeutung ist vielen nicht vertraut. Das konnte ich selbst erleben, während meiner Ausbildung zur Lektorin und Prädikantin in den vergangenen Jahren. Eine Anekdote ist mir noch in Erinnerung: Zufällig hörte ich, wie sich am Eingang zur Kirche zwei Besucherinnen unterhielten: „Heute wird der Gottesdienst von einer Praktikantin geleitet“, sagte die eine, worauf die andere milde lächelnd antwortete: „Keine Sorge, die lernt das schon noch.“

Darin finde ich auch eine tiefe Wahrheit: Lernen ist keine Frage des Alters. Ob für mich, statistisch gesehen etwa in der Lebensmitte, oder schon auf dem Weg in den Ruhestand und im Seniorenalter. Sich noch einmal auf eine anspruchsvolle Ausbildung einzulassen, in dem Fall für die Entsendung in einen kirchlichen Dienst, passt gut zu dieser Redewendung: „Wenn man in einer Sache Meister ist, sollte man in einer anderen Schüler werden.“ In das sinnstiftende Ehrenamt kann man die eigene Berufs-, Familien- und Lebenserfahrung gut mit einbringen. 

 

Wer Mitglied der evangelischen Kirche ist, Freude an Gottesdiensten hat, Liturgie, Musik und Sprache schätzt, bringt dafür gute Voraussetzungen mit. Generell leiten Lektorinnen und Lektoren Gottesdienste auf der Grundlage vorbereiteter Gebete und Predigten. Prädikantinnen und Prädikanten gehen noch weiter: Sie verfassen eigene Predigten und liturgische Texte, leiten selbstständig Gottesdienste und sind beauftragt, zu taufen und das Abendmahl zu feiern. 

 

Der Weg dorthin ist klar strukturiert. Die Ausbildung beginnt mit dem Lektorendienst. Über etwa ein Jahr hinweg erwerben die Teilnehmenden ein fundiertes Verständnis für verschiedene Aufgaben. Daran schließt sich die Ausbildung zum Prädikantendienst an, mit Blick auf die Erarbeitung eigener Predigten, auf Taufe, Abendmahl und die praktische Umsetzung. Dafür trifft man sich regelmäßig in der Kursgruppe, in meinem Fall gab es etwa ein- bis zwei Mal pro Monat einen Abend- oder Samstagtermin in Ingelheim. Auch diese Phase wird begleitet durch ein Gemeindepraktikum unter Anleitung einer Mentorin oder eines Mentors. 

Zuständig für Fragen rund um Bewerbung, Auswahl, Prüfung und Fortbildung ist das Zentrum Verkündigung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) mit Sitz in Frankfurt am Main.

Dort werden auch statistische Daten gesammelt, die zeigen, die stark dieses Ehrenamt gerade von lebenserfahrenen Menschen getragen wird. Im Dekanat Mainz sind derzeit vier Personen aktiv im Lektoren- und 28 im Prädikantendienst. Das Durchschnittsalter liegt bei 66 Jahren, 23 der Engagierten gehören zur Altersgruppe 60 plus. Die Bandbreite ist groß: Während die einen ihre Ausbildung unlängst abgeschlossen haben, beträgt die längste Dienstzeit 44 Jahre. Im Durchschnitt sind die Ehrenamtlichen seit rund 16 Jahren im Dienst.

Diese Zahlen verweisen zugleich auf Kontinuität und Verlässlichkeit. Das bestätigt sich auch im Austausch mit anderen Prädikantinnen und Prädikanten aus Mainz, die ich persönlich schon länger kenne und schätze.

Dass die kirchlichen Aufgaben auch gut zur jeweiligen Lebenssituation passen, zeigt der Weg von Ute Neumann-Beeck. Sie begann mit der Mitarbeit im Kindergottesdienst ihrer damaligen Gemeinde in Hechtsheim, als ihre Tochter noch klein war. Von einer Kirchenmusikerin kam die Anregung auch als Prädikantin tätig sei. Bis dahin war ihr dieses Ehrenamt kein Begriff. „Ich erkundigte mich näher, fühlte mich angesprochen und unterhielt mich dann zunächst eine Zeitlang mit Gott darüber“, erinnert sie sich. Bis heute motiviert sie vieles dazu, vor allem die gute Möglichkeit, sich mit Bibeltexten auf einen bestimmten Sonntag hin auseinanderzusetzen. Zudem schätzt sie, wie sie sagt, „die eigenen Gedanken in ein Zusammenspiel mit Liedern und den liturgischen Teilen eines Gottesdienstes zu bringen“ und das Ganze mit allen Beteiligten an diesem bestimmten Sonntag zu feiern. Bereichernd findet sie „immer wieder in verschiedene Gemeinden eingeladen zu werden und so etwas von der Vielfalt unserer Kirche zu erleben.“

Für Elisabeth Thiel war Gemeindepädagogik ein Herzensanliegen. Viele Jahre arbeitete sie in der Kinder- und Jugendarbeit, später als Altenseelsorgerin. Auch im Ruhestand bleibt sie nun engagiert und versteht die Tätigkeit als Prädikantin als Weiterführung ihres Weges. Darüber hinaus mag sie es eigene Predigten zu schreiben, ihre Glaubenserfahrungen in Worte zu fassen.

Theologie habe ihn schon immer fasziniert, sagt Gerd Mayer. Beruflich entschied er sich für die Innere Medizin, ein Fachgebiet, in dem er seine caritativen und theologischen Vorstellungen gut einbringen konnte. In seiner Dienstzeit erlebte er, wie viele Menschen durch ihren Glauben getragen werden – und wie viele zugleich suchend bleiben. Dabei lernte er viel für sein eigenes Glaubenswachstum. Austausch, Zuhören und das Aushalten anderer Überzeugungen wurden für ihn zu wesentlichen Elementen. Nun bringt er diese Erfahrungen in seine Gottesdienste ein. Beim Kirchenkaffee danach spürt er, dass viele auch auf der Suche sind nach neuen Impulsen aus Liturgie, Musik, Predigt und Gemeinschaft. „Diese Erfahrungen“, sagt er, „freuen mich bei jedem Gottesdienst und geben auch mir als Rentner Vertiefung und Glaubensanregung.“

Einer der langjährigsten Aktiven ist Manfred Domrös, Jahrgang 1940, der seit insgesamt 45 Jahren im Lektoren- und Prädikantendienst ist. Damals bewarb er sich nicht selbst um dieses Amt, sondern wurde von seinem Gemeindepfarrer ermutigt. Zweifel begleiteten ihn anfangs: Ob er das ohne Theologiestudium leisten könne, neben seinem Beruf als Universitätsprofessor?  Ob die Gemeinde seine Worte akzeptieren würde, auch wenn er nicht ein „Herr Pfarrer“ ist? Die gründliche, gewissenhafte Vorbereitung war und ist für ihn Ehrensache. Beim dankbaren Blick zurück war es ihm auch „eine Ehre und Freude zugleich, dass ich über die vielen Jahre rund 700 oder sogar noch mehr Gottesdienste habe leiten dürfen.“ Bekannt ist er daher in vielen Mainzer Gemeinden und Seniorenheimen, wo er auch gern Abendmahl feiert. Die Freude am Wort Gottes, an der Verkündigung des Evangeliums und an der Gemeinschaft trägt ihn bis heute – und die Wertschätzung nach dem Gottesdienst, in dankbaren Worten oder einem Lächeln.

Das komplette Interview mit Manfred Domrös können Sie nachlesen in der Reihe "Im Gespräch mit...".