Schritte zur freien Predigt
Einblicke in die Fortbildung in Herborn und Tipps für die Praxis
Schritte zur freien Predigt: Zu diesem wichtigen Thema organisierte das Zentrum Verkündigung eine praxisnahe Fortbildung. Mehr als 20 Lektor:innen und Prädikantinnen aus der gesamten Region trafen sich dafür im Oktober im Theologischen Seminar in Herborn. Geleitet wurde der Wochenendkurs von Pfarrer Marcus Kleinert und Pfarrer i.R. Hermann Birschel. Mit viel Erfahrung gaben sie hilfreiche Informationen weiter und motivierten zum Ausprobieren im geschützten Rahmen, um voneinander zu lernen und sich auszutauschen. Wertvolle Tipps und Techniken wurden kombiniert mit der Ermutigung, schrittweise das freie Sprechen zu üben. So lässt sich nach und nach die Angst überwinden, dass einem die Worte ausgehen könnten.
Wichtig ist, wie die Referenten betonten, sich nicht zu viel auf einmal vorzunehmen und eine Form zu finden, die zur eigenen Persönlichkeit und Botschaft passt. Ziel sollte nicht sein Texte auswendig zu lernen, sondern im Moment präsent zu sein und auf die Gemeinde einzugehen. Um offen zu sein dafür, sollte man gedanklich an dem Punkt sein wie die Zuhörer:innen.
Generell ist für freie Reden nicht weniger Vorbereitung nötig als für schriftlich ausformulierte. Sie sind weder unvorbereitet noch ganz ohne Manuskript. Wichtige Voraussetzungen sind die klare Zielsetzung und Struktur, vergleichbar einer Landkarte im Kopf. Freie Predigten erfordern daher eine intensive Auseinandersetzung mit dem biblischen Text und dessen Botschaft. Das tiefe Verständnis davon ermöglicht es freier zu sprechen, ohne den roten Faden zu verlieren.
Kreative Techniken wie Mindmaps oder einfache Bildskizzen können dabei helfen, den Inhalt zu visualisieren und zu strukturieren. Wenn es sich anbietet, kann man später Einblicke in den Entstehungsprozess der Predigt geben und an Beispielen wichtige Botschaften verdeutlichen.
Was tun beim sogenannten „Stromausfall im Kopf“, wenn einem plötzlich die Worte fehlen? Sinnvoll ist es einen Plan B parat zu haben, wie zum Beispiel die Orgel spielen und eine Strophe singen zu lassen, oder eine Lieblingsgeschichte zu erzählen. Generell lassen sich narrative Passagen in Stichworten skizzieren, mit Raum für Spontaneität innerhalb der festen Struktur.
Über Zitate aus verschiedenen Texten zum Thema konnte sich die Gruppe austauschen. In der Fortbildung wurden zudem Übungen angeboten um Empfehlungen praktisch umzusetzen und (neben eigenen Erfahrungen) auch aus den Rückmeldungen und Beispielen anderer zu lernen.
Hier eine Auswahl und die Anregung, dies gerne auch selbst auszuprobieren:
Übung: Begrüßung mit Stichworten
In Stichworten eine Begrüßung im Gottesdienst formulieren, mit Bezug zum jeweiligen Anlass im Kirchenjahr und zum Wochenspruch; zudem eine Tauf- oder Trauerfamilie erwähnen
Übung: Vom ausgeschriebenen Text zum Stichwortmanuskript
Predigtmanuskripte überarbeiten, indem (z.B. im Anfangsteil mit max. 100 Wörtern) wichtige Stichwörter unterstrichen werden -> so wird das Manuskript allmählich „schlanker“
Sinnvoll ist auch, auf einer Seite im Ringbuch die ausformulierte Predigt und auf der anderen Seite die Stichworte im Überblick zu haben, bzw. diese direkt mit dem Bibeltext zu kombinieren
Übung: Bibelvers frei auslegen
Ein Wochenspruch oder ein anderer Bibelvers lässt sich nach kurzer Vorbereitungszeit auch recht frei auslegen. Diese Form eignet sich besonders für Andachten, um Dialog zu fördern. Beispiel: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“.
Dies und mehr diente dazu, die Hemmschwelle vor der freien Rede zu senken. Die Fortbildung schloss mit einem sogenannten „Patchwork-Gottesdienst“ ab – ein lebendiges Format, bei dem jede und jeder etwas beitragen kann, ob musikalisch, gelesen oder frei gesprochen. „Wir lernen ja Schritt für Schritt, von Sonntag zu Sonntag, etwas dazu“, sagte eine Teilnehmerin und eine andere ergänzte lachend: „Auf diesen Kurs habe ich über 20 Jahre gewartet!“ Pfarrer Marcus Kleinert ist dankbar für die angenehme Atmosphäre: „Es war beglückend zu erleben, welche ersten Schritte alle gewagt haben und wie offen und wertschätzend sie dabei einander begegnet sind.“ Er ermutigte dazu, neue Erkenntnisse und Erfahrungen einzusetzen, mit dem Zutrauen, „ein Stück freies Predigen im Gottesdienst auszuprobieren – Gott gebe seinen Segen dazu.“
Infokasten: Tipps für das freie Predigen
- Am Anfang nicht zu viel vornehmen, vertrautes Umfeld für erste Schritte suchen
- Schon zur Begrüßung frei sprechen und Blickkontakt zur Gemeinde halten, der Wochenspruch kann dabei zum Beispiel von einer Karteikarte abgelesen werden
- Predigt: Klar definiertes Ziel festlegen, durch gründliche Vorbereitung des Bibeltextes
- Struktur in Stichworten aufschreiben und „Landkarte“ der Predigt im Kopf haben
- Vor der Predigt laut sprechen üben, ggf. mit jemandem die Predigt durchsprechen
- Kleine Teile der Predigt frei sprechen, dabei Geschichten oder Erzählungen zuerst üben
- In Gesprächen nach dem Gottesdienst um Rückmeldungen bitten
Nicole Weisheit-Zenz