Online-Fortbildung 

mit Pfarrer Hermann Birschel
Materialien für einen oder mehrere Gottesdienste über Arno Pötzsch und Kurt Reuber

Nachlese zur Fortbildung  

„Das Wort im Bild, das Bild im Lied“

Arno Pötzschs und Kurt Reubers Lieder und Bilder sind kraftvolle Glaubens-Zeugnisse.
 

Pfarrer Hermann Birschel versteht es, zwei Persönlichkeiten nahezubringen, die in einer schwierigen Zeit lebten und befreundet waren. Auch in ihrem Leid konnten sie viele Impulse für Christen und Christinnen bis heute geben. 

 

Arno Pötzsch

Arno Pötzsch wurde am 23. November 1900 geboren. Der Vater starb früh, die Mutter musste als Krankenschwester die Familie ohne finanzielle Absicherung allein durchbringen. Trotz seiner Talente (Sprachen, Zeichnen und Musik) musste er früh die Schule verlassen.

Er ging zur Kriegsmarine und arbeitete nach dem Krieg als Landarbeiter und Schriftsetzer.

Während des Besuchs eines Lehrerseminars bekam er eine Lebenskrise und brach die Ausbildung ab. Er lebte sieben Jahre bei den Herrnhutern. Er stabilisierte sich wieder; die schlichte Frömmigkeit half ihm dabei. Er arbeitete als Erzieher und holte die Schulbildung nach.

Mit 30 Jahren studierte er Theologie und wurde Pfarrer. Während des Studiums heiratete er seine Kollegin Helene Bosse und sie bekamen vier Töchter.

Im Jahr 1935 wurde er Pfarrer in Wiederau (Sachsen), wo er vom Ortsgruppenleiter denunziert wurde. Er verließ die Kirche und ging wieder zur Marine. Er schloss sich der Michaels-Bruderschaft an und lernte dort Kurt Reuber kennen.

Er wurde Marinepfarrer in Cuxhaven und Den Haag und erhielt für seine Predigten hohe Anerkennung von seinen Hörern, unabhängig von der Nationalität. In vier Jahren führte er etwa 1500 Bestattungen durch und betreute rund 200 Verurteilte (oft Deutsche!) auf dem Weg zur Hinrichtung. Für jeden schrieb er ein – immer vergebliches – Gnadengesuch und schrieb nach dem Krieg den Familien jährlich zum Sterbetag. Diese Erfahrungen belasteten ihn lebenslang.

Folgende Lieder hat er herausgebracht:

• EG 224: „Du hast zu deinem Abendmahl als Gäste uns geladen“

• EG 408: „Meinem Gott gehört die Welt“ (dieses Lied schrieb er für seine Töchter)

• EG 533: „Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand“

• EG 541: „Singt Frieden auf Erden“

• EG-HN 644: „Nun ist vorbei die finstre Nacht“

Arno Pötzsch hat mit seinen Liedern eine Sprache gefunden, die Trost spendet. 


Arno Pötzsch hielt am 17. Februar 1946 eine Trauerfeier in Wichmannshausen für seinen Freund Kurt Reuber. 

Kurt Reuber

Kurt Reuber wurde am 25. Mai 1906 in einem pietistischen Elternhaus geboren. Er studierte Theologie und war Pfarrer in Wichmannshausen. 
Ursprünglich wollte er, wie Albert Schweitzer, in die Mission gehen. Dieser wurde sein Vorbild und Freund. Albert Schweitzer war auch Pate für seinen Sohn Edwin.

Er trat der Michaelsbruderschaft bei. Neben seinem Pfarrberuf studierte er Medizin und promovierte im Jahr 1938. Gleichzeitig hatte er ein großes Talent zum Malen. Oft porträtierte er Personen während Seelsorge-Gesprächen und zeigte dabei die Würde und das Menschliche des Gegenübers.

Er fragte Albert Schweitzer, mit welchen Begabungen er dem Volk am besten dienen könne. Dieser meinte, Pfarrer würden gebraucht. 

Im Oktober 1939 erfolgte seine Einberufung zur Wehrmacht. Der Russlandfeldzug wurde ausdrücklich als Vernichtungs-Feldzug geführt. Kurt Reuber akzeptierte diese Sichtweise des Hasses nicht; er blieb barmherzig und empathisch und orientierte sich an der „Würde“ jedes Menschen.  Russische Menschen wurden vorrangig zum Thema seines künstlerischen Schaffens, weil er mit ihnen fühlte und sich ihnen ganz zuwandte. Tiefster Grund dafür war sein geistliches Verständnis der Würde jedes Menschen. Alle sind Schwestern und Brüder!

Zwei Tage vor der Einkesselung kehrte Kurt Reuber von seinem Heimaturlaub wieder an die Front zurück. Er operierte zwölf Stunden am Tag verwundete Soldaten. 

Weihnachten 1942 stellte er den Kameraden eine auf der Rückseite einer Landkarte mit Holzkohle gezeichnete Madonna, die „Stalingrad-Madonna“, vor. Es war eine stumme Predigt inmitten des Leids.  Dieses Bild wurde zusammen mit seinem letzten Selbstporträt und 150 weiteren Zeichnungen mit dem letzten Flugzeug aus dem Kessel heraustransportiert. Am 26. August 1983 wurde das Original auf Initiative des Bundespräsidenten Karl Carstens der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche übergeben.

Kurt Reuber geriet in Kriegsgefangenschaft in Jelabuga. Er war dort als Arzt und Seelsorger tätig. Zum Weihnachtsfest 1943 entstand im Kriegsgefangenenlager Jelabuga eine zweite Madonna von Kurt Reuber, die für die Lagerzeitung bestimmt war und die Ängste sowie die geringen Hoffnungen der Lagerhaft widerspiegelte. Dieses später „Gefangenen-Madonna“ genannte Bild wurde 1946 von einem entlassenen Soldaten der Familie Reuber überbracht.

Am 20. Januar 1944 starb Kurt Reuber an Flecktyphus. Arno Pötzsch hielt später eine Trauerfeier für ihn.



Beide Persönlichkeiten wurden durch tiefes Leid geprägt. Doch sie wurden zu glaubwürdigen Zeugen dafür, dass auch in schwierigsten Verhältnissen Gottes Liebe immer noch vorhanden ist.

 Petra Dehe-Zecha